Mittwoch, 24. September 2014

[Rezension] Der Hexenschöffe von Petra Schier

Buchdeckel „Der Hexenschöffe“
Titel: Der Hexenschöffe
Autor: Petra Schier
Verlag: Rowohlt (01.10.2014)
Seiten: 512
Jetzt kaufen: Taschenbuch , ebook
Genre: Historische Romane
Sprache: Deutsch


Kurzbeschreibung lt. Rowohlt

Eine wahre Geschichte aus dunkler Zeit.

Anno 1636 ist ganz Deutschland vom Hexenwahn ergriffen. Schon einige Jahre zuvor traf es auch das beschauliche Rheinbach – eine Zeit, an die sich keiner gern erinnert. Und nun hat der Kurfürst den Hexencommissarius erneut in die Stadt beordert.
Hermann Löher, Kaufmann und jüngster Schöffe am Rheinbacher Gericht, hat Angst um Frau und Kinder. Sein Weib Kunigunde gehört zur «versengten Art»: Angehörige ihrer Familie wurden damals dem Feuer überantwortet. Löher glaubt nicht an Hexerei und an die Schuld derer, die vor Jahren den Flammen zum Opfer fielen. Eine gefährliche Einstellung in diesen Zeiten.
Als die Verhaftungswelle auch auf Freunde übergreift, schweigt der Schöffe nicht länger. Und schon bald beginnt für ihn und seine Frau ein Kampf gegen Mächte, die weit schlimmer sind als das, was man den Hexen vorwirft ...



Die Grundidee der Handlung und meine Meinung

Grundlage des Romans ist eine wahre Geschichte, und zwar die des Rheinbacher Schöffens Hermann Löher, der im 17. Jahrhundert im hohen Alter von über 80 Jahren eine Klageschrift verfasst hat, in der er sich sehr ausführlich gegen die Hexenprozesse ausspricht und zu dem seine Erlebnisse in Hexenprozessen extrem bildhaft und bedrückend beschreibt. Diese Originalquelle heißt Hochnötige untertanige wemütige Klage der frommen Unschültigen und kann im Internet als gescannte Ausgabe eingesehen werden. Im Original gibt es auf der Welt nur noch zwei Ausgaben. Allerdings ist das sehr schwere Kost, schon wegen der schwierigen Sprache. Aber genau diesen Text hat Petra Schier als Grundlage für ihren Roman genommen, und sich bemüht, die Ereignisse so authentisch wie irgend möglich zu beschreiben.
 
Ich würde sagen, jeder hat irgendwann mal etwas über die Hexenverfolgungen gelesen. Aber sowohl in Geschichtsbüchern, als auch Romanen wird oft bzw. fast immer auf Stereotypen zurückgegriffen. Außerdem ähneln sich die Angeklagten (meistens Frauen) viel zu sehr und das Beschriebene hat wenig mit den wahren Begebenheiten um die Hexenprozesse zu tun.

Um diesem Klischee vorzubeugen, hat Petra Schier sich an die nackten Tatsachen gehalten, hier und da was ergänzt und präsentiert uns ihr neues Werk: "Der Hexenschöffe".

Stil und Sprache

Für uns sind historische Roman ein Blick zurück in eine vergangene Zeit, die als neue Informationsquelle dienen. Umso neugieriger sind wir Leser, ob uns die Autoren ein Gefühl vermitteln können, von der speziellen Atmosphäre einer historischen Epoche und dem
Lebensgefühl  aus dieser Zeit. "Der Hexenschöffe" vermittelt als dies und noch viel mehr, den so hautnah kommt kaum ein anderer Roman, bei dem sprichwörtlich einem die Haare zu Berge stehen. Für einen historischen Roman ganz typisch, wird sich der Sprache von damals bedient und liest sich ganz authentisch. Für Neulinge des Genre könnte der Sprachstil etwas gewöhnungsbedürftig sein, für alle anderen ist es leicht zu verstehen!


Negativ aufgefallen ist mit allerdings, dass der Leser Mühe hat, die vielen Namen zu sortieren und im Blick zu haben. Diese Namensflut war sicherlich nicht nötig, um das eigentlich gute Thema der Hexenverfolgung umzusetzen.

Figuren und Vorgehensweisen

Ich will hier nicht auf einzelne Protagonisten aus diesem Buch eingehen, sondern verallgemeinre die Vorgehensweisen von damals und nutzte hier auch die Erläuterung der Autorin:

In historischen Romanen sind die Opfer der Hexenverfolgung so gut wie immer Frauen: Hebammen, Kräuterkundige oder besonders aufmüpfige Vertreterinnen ihres Geschlechts. In Wahrheit wurden jedoch auch enorm viele Männer der Hexerei beschuldigt und verurteilt. 
Die der Hexerei besagten Menschen kamen aus allen Schichten und Berufsgruppen, jedoch kaum jemals aus dem Adel.

In den meisten Fällen kamen Menschen ins Gerede, weil Gerüchte gezielt gestreut und von den Hexenkommissaren entsprechend ausgeschlachtet und verdreht wurden. Auch wurden Angeklagte unter der Folter nicht nur zum Geständnis gezwungen, sondern auch dazu, weitere Hexen zu besagen. Nicht selten wurden ihnen dabei gezielt Wohnorte und Namen suggeriert, sodass sie entsprechend den Wünschen der Prozessführenden antworteten. Es ging hier in vielen Fällen um Geld und Machtkämpfe, wobei sich die Beteiligten natürlich der Unwissenheit und des Aberglaubens der Bevölkerung bedienten.
Ein weiteres beliebtes Instrument der Hexenkommissare war es, bei Zusammenkünften oder gezielt herbeigeführten Menschenaufläufen, zum Beispiel auf dem örtlichen Marktplatz, zu verkünden, man habe eine Hexe festgenommen. Dabei verschwieg man allerdings den Namen des oder der Unglücklichen und ließ stattdessen die Leute raten, wer es denn sein könnte. Auf diese Weise wurden natürlich sogleich wilde Vermutungen angestellt und unzählige Namen genannt. Auf diese Namen griffen die Inquisitoren dann bei folgenden Verhaftungen und Prozessen zurück, denn wenn jemand im Zusammenhang mit Hexerei genannt wurde (auch wenn es sich bei dessen Nennung um reine Spekulation gehandelt hatte), dann war das bereits Grund genug, einen Prozess gegen diese Person anzustrengen. Insbesondere, wenn es sich um ein lohnendes, sprich hinreichend wohlhabendes Opfer handelte.
 

Die Hexenkommissare waren übrigens auch nicht durchweg Kirchenmänner, sondern in der Regel Schöffen/Richter oder Gesandte der weltlichen Hochgerichte. Und selbst wenn die Inquisitoren Kleriker waren, wurden die Verurteilten dann den weltlichen Gerichten zum Urteil und Vollzug der Strafe übergeben. Die Kirche hat niemanden verbrannt (oder sonst wie hingerichtet). Das steht ja schon dem Gebot “Du sollst nicht töten” irgendwie entgegen, nicht wahr? Deshalb wurden Delinquenten, die die Todesstrafe zu erwarten hatten, immer der weltlichen Obrigkeit überantwortet, die dann die Strafe vollzog.


Fazit  - Bewertung: 4 Sterne

Die Aufmachung des Buches finde ganz toll, es vermittelt mit dem Cover einen bildlichen Einschlag für den Leser und untermalt wird das ganze von dem Titel "Der Hexenschöffe". An sich hat mich das Thema "Hexenverfolgung" schon lange interessiert und man merkt wie viel Herzblut investiert wurde und Mühe sich die Autorin gegeben hat. Leider muss ich zugeben, dass ich hier und da mit der Informationsflut etwas überfordert war. Stellenweise hat sich das Buch unnötig, durch die Dialoge und Namen (Samt Doktortitel), in die Länge gezogen.

Für Fans des Genres oder der Autorin wird das vielleicht zusagen, mir leider nicht. Trotz allem ist es ein wunderbares Buch, dass ich an Fans der Autorin wärmstes empfehlen kann!